Bahir Dar und weiter bis Addis Abeba – immer den Berg hoch

Nach über 5 Wochen ohne Fahrradfahren und viel nichts tun will ich jetzt wieder weiter. Die Pause hatte ich nötig und ich habe viele, viele klasse Sachen erlebt und interessante Menschen getroffen. Jetzt bin ich aber wieder froh dass ich weiter reisen kann.

Nach einer entspannten Nacht im schönen Hotelzimmer verabschiede mich von Efrem, dem Besitzer der Lodge. Die ersten Kilometer laufen gut, aber eben auch, weil es leicht bergab geht. Gondar liegt auf 2300 Meter und Bahir Dar, die nächste große Stadt, auf 1800 Meter und ca. 180 Kilometer entfernt. Ich denke deswegen, dass es etwas einfach sein sollte bis Bahir Dar zu kommen. Es ist aber fast egal wie viele Höhenmeter man nach unten fährt denn eigentlich fährt man immer nur hoch. Bergab fahre ich meistens 50, 60 km/h und teilweise bis fast 70 km/h. Bergauf muss ich dagegen kämpfen nicht langsamer als 6, 7 oder 8 km/h zu fahren. Im Norden Äthiopiens gibt es aber meistens nur zwei Richtungen. Hoch oder runter und das in einem anderen Maßstab als wir das in Mitteleuropa kennen. Das zehrt an den Kräften und ich mache immer wieder Pausen. Meistens fahre ich nicht länger als 1 Stunde um dann wieder einen, zwei oder 5 Chai (Tee) zu trinken. Was wirklich klasse ist, weil ein Chai (kleines Glas) 4-9 € Cent kostet und es diese kleinen Chai und Bunna- (Cafe) Läden wirklich überall gibt.

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Wenn man direkt aus Deutschland kommt und nicht gewöhnt ist in solchen Ländern zu reisen, würde man viele dieser Läden übersehen, da sie so unscheinbar sind, aber man bekommt schnell einen Blick dafür. Oft steht eine Wasserkanne vor dem Haus oder so. Ich mache diese Pausen aber auch weil ich in diesen kleinen Läden mal Ruhe vor den Kindern habe. Äthiopien ist ein hartes Fahrradreiseland, aus zwei Gründen. Es geht immer bergauf (vor allem im Norden) und es gibt so viele Kinder die mir hinterher rufen „money money“ oder „pen pen pen“. Wenn ich stehen bleibe kommen immer von irgend wo her Kinder und Erwachsene hergelaufen und oft werde ich nach Kleidung oder Geld und Stiften „gefragt“. Es kommt immer wieder vor, dass mir Kinder versuchen hinterher zu rennen.

Es gibt jetzt zwei Arten wie man reagieren kann. Entweder man ist genervt und man hat so wenig Spaß und zeigt das den Kindern auch. Dann ist aber die Chance dass mal Steine geschmissen werden sicher höher und genießen kann man die Reise auch nicht. Ich habe mich dafür entschieden einfach gutgelaunt zu sein. So einfach ist das natürlich auch nicht, deswegen höre ich viel Musik um so die Kinder weniger zu hören. Gute Laune Musik hilft aber nicht nur dafür, sondern auch wenn man mal wieder einen besonders steilen und langen Anstieg hoch fährt. Ich mache viele Pausen und esse und trinke gut. Außerdem verstehe ich diese Kinder und die Menschen hier. Der Durchschnittslohn von einem Bauarbeiter oder Handwerker oder so, beträgt ca. 45€. Ein Lehrer verdient zwischen 80€ und 110€. Dies ist nicht der Tages- oder Wochenlohn, sondern was die Leute für 1 Monat bekommen. Gearbeitet wird 6 Tage die Woche und Urlaub gibt es keinen. Viele Menschen haben aber gar keine Arbeit und deswegen ist es oft so, dass eine ganze Familie 40€, 50€ im Monat zum Leben hat, teilweise aber auch weniger. Ich kann diese Menschen also nicht verurteilen, dass sie eine Möglichkeit nutzen nach Geld zu fragen, wenn ein Weißer die Straße entlangfährt. Das ist auch nicht wirklich diskriminierend weil so gut wie jeder Weiße in dieser Region, (für deutsche Verhältnisse) normal viel Geld hat, was für diese Menschen aber unglaublich viel ist. Wenn man sich das immer wieder  bewusst macht, dann komme ich damit klar, dass ich von vielen Menschen mit „money money“ begrüßt werde. Es ist aber trotzdem nicht leicht immer wieder an Kindern  mit aufgequollenen Bäuchen (weil sie nicht genug zu essen bekommen) vorbei zu fahren und nicht mehr als freundlich zu grüßen.

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Auf der anderen Seite treffe ich auch wirklich viele nette Menschen, besonders beim Chai trinken. So kann es schon mal passieren, dass ich eine Stunde mit den Locals rede, bevor ich weiter fahre.

So hart es ist durch diese Landschaft zu fahren, so schön ist es auch. Überall grüne Berge und Felder. Hier und da ein Fluss, der tatsächlich Wasser führt, was ich aus den letzten Monaten nicht mehr gewöhnt war. Es gibt überall Tiere, viele Schmetterlinge, Käfer, Echsen und viele schöne Vögel. Ich schau schon gar nicht mehr jedem Greif hinterher weil es so viele gibt.

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Ich lasse mir Zeit und brauche so 2 1/2 Tage um die 180 km zurück zu legen. Im Sudan bin ich immer leistungsorientiert gefahren. Wenn ich fahre, dann auch richtig. Heißt früh aufstehen und lange fahren. Das ist eine sehr deutsche Art Dinge zu erledigen, „wenn man etwas macht, dann richtig“. Ich bin aber nicht in Deutschland und Stress habe ich auch nicht. So genieße ich es einfach, schon um 3 oder 4 Uhr aufzuhören, auch wenn ich erst 60 km gefahren bin, weil ich immer wieder Pausen gemacht habe. Am Abend habe ich so mehr Zeit, um mich etwas auszuruhen und dann noch durch die Stadt zu laufen. Übernachten tue ich immer in Hotels. Hier gibt es kleine Zimmer mit einem Bett für ca. 2-3€ und am Abend esse ich fast immer Tibs mit Injera (Fladenbrot).

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Nach diesen 2 1/2 Tagen fahre ich in Bahir Dar ein. Mit Beginn der Stadt fährt man über eine Brücke. Eine besondere, die erste über den Blauen Nil! Ich weiß, dass man von dieser Brücke immer wieder Nilpferde sehen kann. Ich habe am See Tana zwar schon mal kurz ein (vielleicht zwei) Nilpferde gesehen, aber das war nur zweimal ein Gesicht. Die Brücke ist eng, sodass man auf die anderen Verkehrsteilnehmer aufpassen muss. Ich sehe aber trotzdem riesige graue Fleischklöpse. Ich muss zweimal schauen, um sicherzugehen, dass es sich hier nicht um Steine handelt. Ich parke mein Fahrrad neben dem Polizisten der die Brücke bewacht und frage um Erlaubnis von der Brücke die Nilpferde zu fotografieren (sollte man immer vorsichtig sein, Brücken sind strategisch wichtig!). Er gibt mir die Erlaubnis, aber ich solle mich beeilen. Warum weiß ich auch nicht, aber was solls, er passt auf mein Fahrrad auf und ich laufe zurück, um die Nilpferde abzulichten. Es sind beeindruckende Berge, die da aus dem Wasser herausragen. So toll sind das Mittagslicht und der Ort zum Beobachten aber auch nicht und ich gehe wieder zurück zum Fahrrad.

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Nachdem ich dem Polizisten (freiwillig) die Fotos von den Hippos gezeigt habe, reden wir noch etwas. Dann fahre ich aber die letzten Kilometer zum Hotel im Stadtzentrum. Das Fahrrad läuft und so fahre ich für mehrere Minuten in einer Kolonne von Hochzeitsfeiernden mit. Es wird von mehreren Personen alles gefilmt und ich bin mir sicher, dass ich in dem Video zu sehen bin, da ich mit verschieden Feiernden rede und wir so unseren Spaß zusammen haben. Irgend wann kommt dann aber mein Hotel. In den größeren Städten mache ich gerne mal eine Pause und suche mir dafür ein etwas besseres Hotel. Eigenes Bad, schönes Bett und WiFi. Hier bekomme ich aber noch dazu ein großes Zimmer mit Sofa und Fernseher und einer schönen großen Terrasse. Mit etwas Handeln bekomme ich sogar noch einen Rabatt für 4 Nächte. Die erste Dusche seit 3 Tagen führt dazu, dass man sich wie ein neuer Mensch fühlt. Ich nutze die Tage um etwas Italienisch essen zu gehen. Ich weiß, dass es hier eines der besten Restaurants für Pizza in ganz Äthiopien gibt (ehemalige italienische Kolonie). Das kann ich im Nachhinein bestätigen, auch wenn die Pizza in Italien natürlich noch besser ist. Bahir Dar liegt direkt am See Tana an dem ich auf der anderen Seite schon über 3 1/2 Wochen verbracht habe. Beim morgendlichen Frühstück auf meiner Terrasse fliegen gerne Schreiseeadler oder African Harrier-Hawk vorbei und und immer wieder Silvery-cheeked Hornbills.

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Am Nachmittag laufe ich gerne am See entlang, um dann nach der Pizza irgendwo in die Stadt zulaufen. Ich habe mein iPhone dabei (kann mich im Notfall immer zurück navigieren, brauche ich aber normalerweise nicht) und so laufe ich ziellos durch die Gegend und sehe deswegen Straßenzüge, wo sich normalerweise kein Tourist verirrt. Das ist aber das Beste, dahin zu gehen, wo man keine Weißen trifft. Hier gibt es die kleinen Tee- und Cafe Shops, wo ich schon mal für Stunden hängen bleibe und mich mit Kath kauenden Menschen unterhalte. Kath sind Blätter, die gekaut werden und eine ähnliche Wirkung wie Gras haben. Die Stimmung ist entspannt und so komme ich manchmal erst um 10 oder 11 Uhr wieder zurück ins Hotel.

Das WiFi nutze ich hier auch ausgiebig, da ich für meine Zeit nach der Fahrradtour einiges planen muss und auch mal die Chance nutze durchs Internet zu surfen. Das ein oder andere mal skype ich mit der Familie.

Nach diesen 4 Tagen fahre ich weiter. Die vielleicht heftigste Strecke der ganzen Tour liegt jetzt vor mir. Bahir Dar bis Addis Abeba. Ich fahre aus der Stadt und da geht es schon los. Am ersten Tag übernachte ich auf ca. 2300 Metern und habe auf 70 Kilometer wahrscheinlich um die (vielleicht auch mehr) 1000 bis 1200 hm gemacht. Die Straße ist gut und die Landschaft super schön. Am Abend fahre ich dann in eine kleine Stadt ein und suche nach einem Platz zum Schlafen. Ich finde auch einen. Nach dem ich mich etwas gewaschen habe, kommt eine Mitarbeiterin auf mich zu und versucht mir klar zu machen, dass ich nicht hier schlafen kann. Im ersten Moment weiß ich zwar nicht wirklich wieso, aber gut. Sie führt mich zu einer anderen Unterkunft, die auch noch schöner ist. Im Nachhinein bin ich mir ziemlich sicher, dass das erste „Hotel“ ein Bordell war. Das erklärt auch den sehr günstigen Preis fürs Zimmer, da davon ausgegangen wird, dass man eben noch extra Leistungen dazu bucht. Als die Besitzerinnen gemerkt haben, dass ich nur übernachten will, wurde ich zu einer andern Unterkunft gebracht.

Die nächsten Tage verlaufen ähnlich. Ich fahre gemütlich um ca. 8 Uhr los. Mache immer wieder Pausen, um Tee zu trinken und etwas zu essen. Am Nachmittag suche ich mir dann einen Platz zum Schlafen und Ausruhen. Das Essen ist gut und ich höre immer noch gerne Musik. Es ist oft schon ganz schön Arbeit sich die Berge hoch zu kämpfen, um sie dann in nur wenigen Minuten wieder runter zu fahren und wieder einen langen Anstieg vor sich zu haben. Mit den Menschen komm ich immer noch zurecht und ich treffe immer wieder auf sehr nette Personen. Nach 4 Tagen Fahrt mache ich in Debre Markus einen Tag Pause.

Ich sehe in diesen Tagen meine ersten weißen Störche (die im Sommer bei uns in Europa sind) und auch an Greifen mangelt es hier nicht.

Dann kommt die Nilschlucht. Das bedeutet für mich erst steil 1500 Höhenmeter nach unten zu fahren, um dann 2000 Höhenmeter nach oben zu klettern. Eine riesige Schlucht. Ich fahre früh am Morgen los um der Hitze im unteren Teil zu entgehen. Ich würde ja gerne meinen Geschwindigkeitsrekord brechen der bei 69 km/h liegt, aber das ist auf dieser Straße nicht möglich.

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Ich schaffe es auch so mit grade mal 40 bis 50 km/h immer mal wieder ganz abzuheben. Die Busse fahren aber noch schneller, können aber die sehr langsamen LKWs nicht so gut überholen wie ich. An der Seite schieße ich einfach an den  langsamen LKWs (15 Km/h) vorbei und liefere mir so über mehrere Minuten ein Rennen mit einem Busfahrer.

LUK_8141Leider geht es nicht für immer bergab und irgendwann fahre ich über die Brücke, die über den Blauen Nil führt. Jetzt geht es los. Ich fahre schnell nur noch 6, 7, 8 Stundenkilometer und rechne aus wie lange ich für den ganzen Anstieg brauche. Dann kommt ein langsamer LKW. Ich sehe das sofort, weil es immer eine Art von LKW gibt, die langsam genug ist, um sich daran festzuhalten. Ich habe ehrlich gesagt keine Lust mich 5, 6 Stunden den Berg hoch zu quälen und halte mich am Ende des LKW fest. Wer jetzt glaubt, das sei einfach, täuscht sich. Auf der schlechten Straße muss man ganz schön aufpassen, nicht unter die Räder zu kommen (Wort wörtlich). Vor allem ist es aber wahnsinnig anstrengend, sich mit einer Hand am LKW festzuhalten, wenn man die ganze Zeit nur steil bergauf fährt. Man kann die Position nicht ändern oder mal den Arm entspannen. Dann sehe ich, dass es eine Möglichkeit gibt den Fuß beim LKW einzuklemmen. Das ist zwar etwas verrückt, aber sonst hätte ich mich die 1h 45 Minuten nicht festhalten können. So viele langsame LKW kommen dann aber auch nicht und ich wollte wirklich nicht selber hochstrampeln. Ich hänge also eine ganze Weile an diesem LKW und so habe ich Zeit, auf eine wirklich verrückte Idee zu kommen. Ich hätte gerne ein Foto von der ganzen Situation. Dafür muss ich meinen Fuß richtig festklemmen und mit nur einer Hand mein Fahrrad lenken. Mit der andern versuche ich mein Smartphone aus der Halterung zu bekommen. Ist gar nicht so einfach! Irgendwann habe ich das aber geschafft. Selbst ein Foto zu machen ist jetzt noch schwer. So richtig toll ist es zwar nicht geworden, aber man bekommt eine Vorstellung.

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Von diesem Aufstieg habe ich 2 Tage lang einen Muskelkater – im Arm! Berg hochfahren kann man auch in Europa, sich an einem LKW festhalten dagegen eher nicht. Ist also auch eine Erfahrung, irgendwie hat es auch Spaß gemacht.

Am nächsten Tag kommt aber schon der nächste lange Anstieg. Gut, es sind grade mal 700 Höhenmeter am Stück, aber der führt auf einen Pass, der über 3100 Höhenmeter hat. Da habe ich dann doch zu viel Ehrgeiz und fahre alles selber. Pass über 3000 Höhenmeter befahren, Check.

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Nach 8 Fahrtagen komme ich dann in Addis Abeba an. Ich suche nach einem Hotel und merke schnell, Addis ist relativ teuer. Sicher 50% teurer als der Rest Äthiopiens. In Addis will ich eigentlich nur mein Visum für Kenia holen. Ich warte hauptsächlich darauf, dass es Montag wird und ich mein Visum beantragen kann. In Addis treffe ich andere Reisende, die mit dem Motorrad von Südafrika bis in die Schweiz fahren oder mehrere Monate als Backpacker in Ostafrika unterwegs sind. Es ergeben sich interessante Gespräche, aber als ich am Dienstag mein Visum bekomme, bin ich froh und fahre noch am Nachmittag aus der Stadt.

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2 Kommentare

  1. Hallo Lukas,
    Ich wünsche Dir eine erlebnisreiche Reise.
    Vor allem, bleib vorsichtig, komm gut in Süd-Afrika an und Gesund zurück!
    Liebe Grüße
    Karl(Rödermark)

    Antworten

    1. Hallo Karl,
      Ich gebe mein bestes.
      Genieße aber vor allem mein Leben hier in Malawi. Arbeite aber auch am nächsten Bericht. Habe in den nächsten Tagen etwas Zeit:)
      Grüße vom See Malawi

      Antworten

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