Bahir Dar und weiter bis Addis Abeba – immer den Berg hoch

Nach über 5 Wochen ohne Fahrradfahren und viel nichts tun will ich jetzt wieder weiter. Die Pause hatte ich nötig und ich habe viele, viele klasse Sachen erlebt und interessante Menschen getroffen. Jetzt bin ich aber wieder froh dass ich weiter reisen kann.

Nach einer entspannten Nacht im schönen Hotelzimmer verabschiede mich von Efrem, dem Besitzer der Lodge. Die ersten Kilometer laufen gut, aber eben auch, weil es leicht bergab geht. Gondar liegt auf 2300 Meter und Bahir Dar, die nächste große Stadt, auf 1800 Meter und ca. 180 Kilometer entfernt. Ich denke deswegen, dass es etwas einfach sein sollte bis Bahir Dar zu kommen. Es ist aber fast egal wie viele Höhenmeter man nach unten fährt denn eigentlich fährt man immer nur hoch. Bergab fahre ich meistens 50, 60 km/h und teilweise bis fast 70 km/h. Bergauf muss ich dagegen kämpfen nicht langsamer als 6, 7 oder 8 km/h zu fahren. Im Norden Äthiopiens gibt es aber meistens nur zwei Richtungen. Hoch oder runter und das in einem anderen Maßstab als wir das in Mitteleuropa kennen. Das zehrt an den Kräften und ich mache immer wieder Pausen. Meistens fahre ich nicht länger als 1 Stunde um dann wieder einen, zwei oder 5 Chai (Tee) zu trinken. Was wirklich klasse ist, weil ein Chai (kleines Glas) 4-9 € Cent kostet und es diese kleinen Chai und Bunna- (Cafe) Läden wirklich überall gibt.

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Wenn man direkt aus Deutschland kommt und nicht gewöhnt ist in solchen Ländern zu reisen, würde man viele dieser Läden übersehen, da sie so unscheinbar sind, aber man bekommt schnell einen Blick dafür. Oft steht eine Wasserkanne vor dem Haus oder so. Ich mache diese Pausen aber auch weil ich in diesen kleinen Läden mal Ruhe vor den Kindern habe. Äthiopien ist ein hartes Fahrradreiseland, aus zwei Gründen. Es geht immer bergauf (vor allem im Norden) und es gibt so viele Kinder die mir hinterher rufen „money money“ oder „pen pen pen“. Wenn ich stehen bleibe kommen immer von irgend wo her Kinder und Erwachsene hergelaufen und oft werde ich nach Kleidung oder Geld und Stiften „gefragt“. Es kommt immer wieder vor, dass mir Kinder versuchen hinterher zu rennen.

Es gibt jetzt zwei Arten wie man reagieren kann. Entweder man ist genervt und man hat so wenig Spaß und zeigt das den Kindern auch. Dann ist aber die Chance dass mal Steine geschmissen werden sicher höher und genießen kann man die Reise auch nicht. Ich habe mich dafür entschieden einfach gutgelaunt zu sein. So einfach ist das natürlich auch nicht, deswegen höre ich viel Musik um so die Kinder weniger zu hören. Gute Laune Musik hilft aber nicht nur dafür, sondern auch wenn man mal wieder einen besonders steilen und langen Anstieg hoch fährt. Ich mache viele Pausen und esse und trinke gut. Außerdem verstehe ich diese Kinder und die Menschen hier. Der Durchschnittslohn von einem Bauarbeiter oder Handwerker oder so, beträgt ca. 45€. Ein Lehrer verdient zwischen 80€ und 110€. Dies ist nicht der Tages- oder Wochenlohn, sondern was die Leute für 1 Monat bekommen. Gearbeitet wird 6 Tage die Woche und Urlaub gibt es keinen. Viele Menschen haben aber gar keine Arbeit und deswegen ist es oft so, dass eine ganze Familie 40€, 50€ im Monat zum Leben hat, teilweise aber auch weniger. Ich kann diese Menschen also nicht verurteilen, dass sie eine Möglichkeit nutzen nach Geld zu fragen, wenn ein Weißer die Straße entlangfährt. Das ist auch nicht wirklich diskriminierend weil so gut wie jeder Weiße in dieser Region, (für deutsche Verhältnisse) normal viel Geld hat, was für diese Menschen aber unglaublich viel ist. Wenn man sich das immer wieder  bewusst macht, dann komme ich damit klar, dass ich von vielen Menschen mit „money money“ begrüßt werde. Es ist aber trotzdem nicht leicht immer wieder an Kindern  mit aufgequollenen Bäuchen (weil sie nicht genug zu essen bekommen) vorbei zu fahren und nicht mehr als freundlich zu grüßen.

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Auf der anderen Seite treffe ich auch wirklich viele nette Menschen, besonders beim Chai trinken. So kann es schon mal passieren, dass ich eine Stunde mit den Locals rede, bevor ich weiter fahre.

So hart es ist durch diese Landschaft zu fahren, so schön ist es auch. Überall grüne Berge und Felder. Hier und da ein Fluss, der tatsächlich Wasser führt, was ich aus den letzten Monaten nicht mehr gewöhnt war. Es gibt überall Tiere, viele Schmetterlinge, Käfer, Echsen und viele schöne Vögel. Ich schau schon gar nicht mehr jedem Greif hinterher weil es so viele gibt.

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Ich lasse mir Zeit und brauche so 2 1/2 Tage um die 180 km zurück zu legen. Im Sudan bin ich immer leistungsorientiert gefahren. Wenn ich fahre, dann auch richtig. Heißt früh aufstehen und lange fahren. Das ist eine sehr deutsche Art Dinge zu erledigen, „wenn man etwas macht, dann richtig“. Ich bin aber nicht in Deutschland und Stress habe ich auch nicht. So genieße ich es einfach, schon um 3 oder 4 Uhr aufzuhören, auch wenn ich erst 60 km gefahren bin, weil ich immer wieder Pausen gemacht habe. Am Abend habe ich so mehr Zeit, um mich etwas auszuruhen und dann noch durch die Stadt zu laufen. Übernachten tue ich immer in Hotels. Hier gibt es kleine Zimmer mit einem Bett für ca. 2-3€ und am Abend esse ich fast immer Tibs mit Injera (Fladenbrot).

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Nach diesen 2 1/2 Tagen fahre ich in Bahir Dar ein. Mit Beginn der Stadt fährt man über eine Brücke. Eine besondere, die erste über den Blauen Nil! Ich weiß, dass man von dieser Brücke immer wieder Nilpferde sehen kann. Ich habe am See Tana zwar schon mal kurz ein (vielleicht zwei) Nilpferde gesehen, aber das war nur zweimal ein Gesicht. Die Brücke ist eng, sodass man auf die anderen Verkehrsteilnehmer aufpassen muss. Ich sehe aber trotzdem riesige graue Fleischklöpse. Ich muss zweimal schauen, um sicherzugehen, dass es sich hier nicht um Steine handelt. Ich parke mein Fahrrad neben dem Polizisten der die Brücke bewacht und frage um Erlaubnis von der Brücke die Nilpferde zu fotografieren (sollte man immer vorsichtig sein, Brücken sind strategisch wichtig!). Er gibt mir die Erlaubnis, aber ich solle mich beeilen. Warum weiß ich auch nicht, aber was solls, er passt auf mein Fahrrad auf und ich laufe zurück, um die Nilpferde abzulichten. Es sind beeindruckende Berge, die da aus dem Wasser herausragen. So toll sind das Mittagslicht und der Ort zum Beobachten aber auch nicht und ich gehe wieder zurück zum Fahrrad.

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Nachdem ich dem Polizisten (freiwillig) die Fotos von den Hippos gezeigt habe, reden wir noch etwas. Dann fahre ich aber die letzten Kilometer zum Hotel im Stadtzentrum. Das Fahrrad läuft und so fahre ich für mehrere Minuten in einer Kolonne von Hochzeitsfeiernden mit. Es wird von mehreren Personen alles gefilmt und ich bin mir sicher, dass ich in dem Video zu sehen bin, da ich mit verschieden Feiernden rede und wir so unseren Spaß zusammen haben. Irgend wann kommt dann aber mein Hotel. In den größeren Städten mache ich gerne mal eine Pause und suche mir dafür ein etwas besseres Hotel. Eigenes Bad, schönes Bett und WiFi. Hier bekomme ich aber noch dazu ein großes Zimmer mit Sofa und Fernseher und einer schönen großen Terrasse. Mit etwas Handeln bekomme ich sogar noch einen Rabatt für 4 Nächte. Die erste Dusche seit 3 Tagen führt dazu, dass man sich wie ein neuer Mensch fühlt. Ich nutze die Tage um etwas Italienisch essen zu gehen. Ich weiß, dass es hier eines der besten Restaurants für Pizza in ganz Äthiopien gibt (ehemalige italienische Kolonie). Das kann ich im Nachhinein bestätigen, auch wenn die Pizza in Italien natürlich noch besser ist. Bahir Dar liegt direkt am See Tana an dem ich auf der anderen Seite schon über 3 1/2 Wochen verbracht habe. Beim morgendlichen Frühstück auf meiner Terrasse fliegen gerne Schreiseeadler oder African Harrier-Hawk vorbei und und immer wieder Silvery-cheeked Hornbills.

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Am Nachmittag laufe ich gerne am See entlang, um dann nach der Pizza irgendwo in die Stadt zulaufen. Ich habe mein iPhone dabei (kann mich im Notfall immer zurück navigieren, brauche ich aber normalerweise nicht) und so laufe ich ziellos durch die Gegend und sehe deswegen Straßenzüge, wo sich normalerweise kein Tourist verirrt. Das ist aber das Beste, dahin zu gehen, wo man keine Weißen trifft. Hier gibt es die kleinen Tee- und Cafe Shops, wo ich schon mal für Stunden hängen bleibe und mich mit Kath kauenden Menschen unterhalte. Kath sind Blätter, die gekaut werden und eine ähnliche Wirkung wie Gras haben. Die Stimmung ist entspannt und so komme ich manchmal erst um 10 oder 11 Uhr wieder zurück ins Hotel.

Das WiFi nutze ich hier auch ausgiebig, da ich für meine Zeit nach der Fahrradtour einiges planen muss und auch mal die Chance nutze durchs Internet zu surfen. Das ein oder andere mal skype ich mit der Familie.

Nach diesen 4 Tagen fahre ich weiter. Die vielleicht heftigste Strecke der ganzen Tour liegt jetzt vor mir. Bahir Dar bis Addis Abeba. Ich fahre aus der Stadt und da geht es schon los. Am ersten Tag übernachte ich auf ca. 2300 Metern und habe auf 70 Kilometer wahrscheinlich um die (vielleicht auch mehr) 1000 bis 1200 hm gemacht. Die Straße ist gut und die Landschaft super schön. Am Abend fahre ich dann in eine kleine Stadt ein und suche nach einem Platz zum Schlafen. Ich finde auch einen. Nach dem ich mich etwas gewaschen habe, kommt eine Mitarbeiterin auf mich zu und versucht mir klar zu machen, dass ich nicht hier schlafen kann. Im ersten Moment weiß ich zwar nicht wirklich wieso, aber gut. Sie führt mich zu einer anderen Unterkunft, die auch noch schöner ist. Im Nachhinein bin ich mir ziemlich sicher, dass das erste „Hotel“ ein Bordell war. Das erklärt auch den sehr günstigen Preis fürs Zimmer, da davon ausgegangen wird, dass man eben noch extra Leistungen dazu bucht. Als die Besitzerinnen gemerkt haben, dass ich nur übernachten will, wurde ich zu einer andern Unterkunft gebracht.

Die nächsten Tage verlaufen ähnlich. Ich fahre gemütlich um ca. 8 Uhr los. Mache immer wieder Pausen, um Tee zu trinken und etwas zu essen. Am Nachmittag suche ich mir dann einen Platz zum Schlafen und Ausruhen. Das Essen ist gut und ich höre immer noch gerne Musik. Es ist oft schon ganz schön Arbeit sich die Berge hoch zu kämpfen, um sie dann in nur wenigen Minuten wieder runter zu fahren und wieder einen langen Anstieg vor sich zu haben. Mit den Menschen komm ich immer noch zurecht und ich treffe immer wieder auf sehr nette Personen. Nach 4 Tagen Fahrt mache ich in Debre Markus einen Tag Pause.

Ich sehe in diesen Tagen meine ersten weißen Störche (die im Sommer bei uns in Europa sind) und auch an Greifen mangelt es hier nicht.

Dann kommt die Nilschlucht. Das bedeutet für mich erst steil 1500 Höhenmeter nach unten zu fahren, um dann 2000 Höhenmeter nach oben zu klettern. Eine riesige Schlucht. Ich fahre früh am Morgen los um der Hitze im unteren Teil zu entgehen. Ich würde ja gerne meinen Geschwindigkeitsrekord brechen der bei 69 km/h liegt, aber das ist auf dieser Straße nicht möglich.

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Ich schaffe es auch so mit grade mal 40 bis 50 km/h immer mal wieder ganz abzuheben. Die Busse fahren aber noch schneller, können aber die sehr langsamen LKWs nicht so gut überholen wie ich. An der Seite schieße ich einfach an den  langsamen LKWs (15 Km/h) vorbei und liefere mir so über mehrere Minuten ein Rennen mit einem Busfahrer.

LUK_8141Leider geht es nicht für immer bergab und irgendwann fahre ich über die Brücke, die über den Blauen Nil führt. Jetzt geht es los. Ich fahre schnell nur noch 6, 7, 8 Stundenkilometer und rechne aus wie lange ich für den ganzen Anstieg brauche. Dann kommt ein langsamer LKW. Ich sehe das sofort, weil es immer eine Art von LKW gibt, die langsam genug ist, um sich daran festzuhalten. Ich habe ehrlich gesagt keine Lust mich 5, 6 Stunden den Berg hoch zu quälen und halte mich am Ende des LKW fest. Wer jetzt glaubt, das sei einfach, täuscht sich. Auf der schlechten Straße muss man ganz schön aufpassen, nicht unter die Räder zu kommen (Wort wörtlich). Vor allem ist es aber wahnsinnig anstrengend, sich mit einer Hand am LKW festzuhalten, wenn man die ganze Zeit nur steil bergauf fährt. Man kann die Position nicht ändern oder mal den Arm entspannen. Dann sehe ich, dass es eine Möglichkeit gibt den Fuß beim LKW einzuklemmen. Das ist zwar etwas verrückt, aber sonst hätte ich mich die 1h 45 Minuten nicht festhalten können. So viele langsame LKW kommen dann aber auch nicht und ich wollte wirklich nicht selber hochstrampeln. Ich hänge also eine ganze Weile an diesem LKW und so habe ich Zeit, auf eine wirklich verrückte Idee zu kommen. Ich hätte gerne ein Foto von der ganzen Situation. Dafür muss ich meinen Fuß richtig festklemmen und mit nur einer Hand mein Fahrrad lenken. Mit der andern versuche ich mein Smartphone aus der Halterung zu bekommen. Ist gar nicht so einfach! Irgendwann habe ich das aber geschafft. Selbst ein Foto zu machen ist jetzt noch schwer. So richtig toll ist es zwar nicht geworden, aber man bekommt eine Vorstellung.

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Von diesem Aufstieg habe ich 2 Tage lang einen Muskelkater – im Arm! Berg hochfahren kann man auch in Europa, sich an einem LKW festhalten dagegen eher nicht. Ist also auch eine Erfahrung, irgendwie hat es auch Spaß gemacht.

Am nächsten Tag kommt aber schon der nächste lange Anstieg. Gut, es sind grade mal 700 Höhenmeter am Stück, aber der führt auf einen Pass, der über 3100 Höhenmeter hat. Da habe ich dann doch zu viel Ehrgeiz und fahre alles selber. Pass über 3000 Höhenmeter befahren, Check.

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Nach 8 Fahrtagen komme ich dann in Addis Abeba an. Ich suche nach einem Hotel und merke schnell, Addis ist relativ teuer. Sicher 50% teurer als der Rest Äthiopiens. In Addis will ich eigentlich nur mein Visum für Kenia holen. Ich warte hauptsächlich darauf, dass es Montag wird und ich mein Visum beantragen kann. In Addis treffe ich andere Reisende, die mit dem Motorrad von Südafrika bis in die Schweiz fahren oder mehrere Monate als Backpacker in Ostafrika unterwegs sind. Es ergeben sich interessante Gespräche, aber als ich am Dienstag mein Visum bekomme, bin ich froh und fahre noch am Nachmittag aus der Stadt.

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Die Simien Berge und Gorgora

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Ich laufe durch Gondar und klappere einen Tour-Organisator nach dem anderen ab. Man kann zwar auch alles alleine organisieren, es ist aber halt deutlich entspannter und angenehmer, wenn man eine all inklusive Tour für 4 Tage bucht, weil dann alles für einen gemacht wird (in diesem Fall). Zelte werden aufgestellt, es wird gut gekocht und man muss nur ein bisschen seines Gepäcks tragen, all das was ich sonst eben immer selber mache. Das Problem ist wie immer das Geld. Diese Touren sind nämlich leider (wie so oft in Afrika, wenn es um touristische Sachen geht) überteuert. Ich bin jetzt aber schon über 2 Monate in Afrika und weiß halbwegs, wie ich an einen guten Preis komme. Das Gespräch läuft meistens so ab. Ich komme rein und sage, ich will 4 Tage in die Simiens (eines der höchsten Gebirge Afrikas), ich kenne den normalen Preis (250-300$), ich habe Zeit und kann morgen oder auch erst in 3 Tage anfangen und deswegen kann man mich in irgendeine Gruppe dazu tun und ich bin mit dem Fahrrad unterwegs. Also hätte ich gerne einen guten Preis, sonst gehe ich zum nächsten Anbieter! So konnte ich fast immer das nervige Handeln abkürzen und kam gleich zu einem Preis von 200-220$. Damit war ich aber noch nicht so ganz zufrieden und fing an andere Reisenden zu suchen, da viele ihre Tour in dieser Stadt buchen. Ich finde zwei US-Amerikaner, die den gleichen Plan haben, was geschickt ist, da man einen besseren Preis bekommt, wenn man für mehrere gleichzeitig bucht. Ich gehe also wieder los und finde dann einen ordentlichen Anbieter, bei dem ich eine Preis von 180$ bekomme (mit etwas handeln). Das ist nicht so schlecht, da es ca. 100$ weniger als der Durchschnittspreis für diese Tour sind. Ich buche also und nach dem ich das Geld los bin (reicht sonst für einen halben Monat), freue ich mich richtig auf die nächsten Tage. Die Simiens sind einer der wenigen Ziele, die ich auf diese Tour auf jeden Fall sehen will.

Ich werde am nächsten Morgen von einem Fahrer abgeholt und zusammen mit den 4 Anderen, fahren wir nach Debark (100km), die Stadt, bei der wir uns beim Nationalpark anmelden und der Guide, Koch und Scout zu unserer Gruppe stoßen. Dann fahren wir in den Park und immer hin auf über 3000 Meter.

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Wir werden ausgeladen und laufen immer am Kliff entlang, wobei zuerst eher nur die unglaubliche Aussicht bestaunt wird. Nachdem die ersten Fotos gemacht sind, kann man dann tatsächlich mal laufen. Ich merke schnell, dass ich mir viel Zeit lassen kann, um in die Weite zu blicken und diese unglaubliche Landschaft mit meiner Kamera festzuhalten, weil meine Kondition (selbst nach 3 Wochen nichts tun und längerer Krankheit) deutlich besser ist als die der anderen Gruppenmitgliedern oder auch des Guides und Scouts. Ich laufe also immer wieder zügig voraus und habe dann wieder ein paar Minuten für Fotos und zur Luftraumüberwachung, denn es wimmelt nur so von Greifen und sonstigen kleineren Vögel.

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Der erste Tag ist eher kurz, gerade mal 3-4 Stunden laufen wir bis wir am Camp ankommen und mit Tee, Cafe und Popcorn (wird gerne zu Café in Äthiopien gegessen) empfangen werden. Die ersten Geladas (eine Pavianart) haben wir auf dem Weg gesehen, genauso wie viele Bartgeier, Augurbussarde und viele weitere (teils Endemische) Vogelarten.

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Nach dem Sonnenuntergang gibt es dann ein leckeres 3-Gänge-Menü, bei dem ich ordentlich esse. Insgesamt habe ich in diesen Tagen wieder richtig Appetit bekommen und esse für meine Verhältnisse wieder richtig, was ich nach der Krankheit vor 3 Wochen nicht mehr gemacht habe. Am Feuer sitzend vergeht in der kleinen Hütte die eine oder andere Stunde, bis ich dann in mein Zelt verschwinde. Ich schaue auf mein Handy als ich schon in meinen drei Schlafsäcken liege und merke, dass es grade mal 20:30 Uhr ist. Mhhh, so ist das halt wenn es draußen kalt ist und nichts zu tun hat sobald es dunkel ist, was soll’s.

Nach einer angenehmen Nacht stehe ich um 5:30 Uhr auf, ohne dass ich einen Wecker gestellt hätte, würde mir in Deutschland auch nicht passieren. Es ist verdammt eisig (ca. 0 Grad Celsius) und ich weiß nicht wie es der Scout aushält, hier mit einer dünnen Decke in einem Busch gekauert, die Nacht im Freien zu verbringen. Ich ziehe alles an was ich habe, inklusive der dünnen Handschuhe die ich wahrscheinlich das nächste Mal erst wieder in Südafrika brauche, genau wie meine dicke Regenjacke. Ich laufe zu einem Aussichtspunkt und warte. Der Himmel zeigt aber grade erst eine leichte Färbung und ich weiß, dass es jetzt noch eine weitere Stunde dauert bis die Sonne dann auch wirklich aufgeht. Das warten wird aber belohnt, auch wenn ich mich kurz nach Sonnenaufgang sofort aufmache um den frisch gemachten Tee zu trinken und das Frühstück zu genießen.

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An diesem Tag haben wir die beste Sicht. Besonders der Morgen ist so klar wie sonst kein zweites Mal in diesen Tagen. In der Regenzeit muss das aber noch beeindruckend sein. Wir laufen und immer wieder kommen wir zum Kliff, das hier teilweise über 1500 Meter abbricht und dann in eine weite Landschaft ausläuft. Immer wieder fliegen große Vögel vorbei und schrauben sich elegant in die Höhe. Weißrückengeier, Rüppellgeier und Bartgeier sind auf jeden Fall dabei, genauso wie verschiedene Falken, Bussarde und endemische Vögel wie der Blue Rock Thrush oder der Thick-billed Raven. Sogar Säugetiere gibt es hier immer wieder zusehen. Klar, der Gelada Pavian aber auch ein Buschbock und Klippspringer (beides zwei kleine Antilopen) sind hier zuhause und zeigen sich auch mal.

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Wir laufen zu einer Stelle an der man einen großen Wasserfall sehen kann. Mitten in der Trockenzeit ist der zwar nicht wirklich beeindruckend, aber wenn man weiß, dass hier das Wasser über 500 Meter in die Tiefe stürzt, dann merkt man um ein neues, wie gewaltig diese senkrechten Wände rechts und links wirklich sind.

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Nach ca. 6-7 Stunden laufen kommen wir dann am nächsten Camp an und ich merke, dass das ein Preis ist den man zahlt wenn man mit einer solchen Gruppe unterwegs ist. Man kann einfach keine ordentlichen Distanzen laufen, weil die Route auch für 65 jährige, die halbwegs fit sind, problemlos zu bewältigen sein soll. Naja, das hat den Vorteil einer langen Nachmittagspause. Zum Sundowner gehen manche auf einen nahe gelegenen Berg, der auf immerhin über 3900 hm liegt.

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Das Licht ist gigantisch und als die Geladas kommen und in die Steilhänge gehen um zu schlafen, wird das Ganze noch mal richtig beindruckend. Die Geladas kommen grasend und manchmal etwas kämpfend näher und einer nach dem andern verschwindet wieder in der senkrechten Wand zum schlafen.

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Als ich nur noch alleine am Gipfel bin, fangen die Geladas plötzlich an zu brüllen und zu schreien. Ich merke sofort, dass es wegen irgendeinem anderen Tier sein muss und bemerke ein Streifenschakal, der vielleicht 50 Meter von mir entfernt ist. Ich bin mir sicher, dass er mich gesehen hat und trotzdem kommt er bis auf 15 Meter in meine Richtung. Von den Geladas sehe ich nichts mehr bis ich mich umdrehe. Die haben sich nämlich alle hinter mir versammelt. „Der große Weiße wird als erstes gefressen, hahaha“, sind wohl ihre Gedanken.

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Irgendwann sind dann alle Tiere weg und ich gebe etwas gas wieder vom Berg runter zukommen, denn das Abendessen wartet schon. Das Camp liegt auf über 3600 hm und in der Nacht wird es dementsprechend kalt, ca. -5 Grad.

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Nach einem Frühstück mit Pfandkuchen laufen wir wieder und kommen nach ein paar Stunden auf den höchsten Berg dieser Trekkingtour, der gleichzeitig auch mein höchster Gipfel ist. 4070 Meter über dem Meeresspiegel und die Aussicht ist wie immer atemberaubend.

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Ich scanne immer wieder die Gegend mit meinem Fernglas, aber leider finde ich den sehr seltenen äthiopischen Wolf oder den Walia Ibex (eine Steinbockart) nicht. Am Abend haben wir wieder schön Zeit beim Camp bevor es Abendessen gibt und ich laufe mit dem US-Amerikaner etwas herum um nach Vögeln, sonstigen Tieren und der Landschaft zu schauen. Plötzlich sehen wir eine Walia Ibex durch das Camp laufen. Ein beeindruckendes Tier, selbst wenn es nicht durch senkrechte Steilhänge klettert.

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Nervig sind manche Touristen, die bis auf ein, zwei Meter an das Tier herangehen (teilweise von hinten) um Fotos zumachen (natürlich mit dem Smartphone). Ich muss mich schon zusammenreißen, aber eigentlich gehören diese Leute geschlagen, denn irgendwann passiert etwas und dann ist das Geschrei groß. Würde mich zwar nicht stören, aber am Ende wird das Tier als gefährlich erklärt und im Zweifel geschossen, da es immer mal wieder durchs Camps läuft. Einfach etwas Respekt zeigen und etwas Abstand halten, besonders bei einer Art von der es nur 500 Tiere gibt. Die Guides unternehmen aber nichts, was ein weiterer Beweis für die Unfähigkeit der Guides ist, komme ich aber gleich noch zu.

Am nächsten Morgen wollen wir eigentlich noch mal ein paar Stunden laufen (wie bezahlt), was wir aber nicht machen da der Minibusfahrer schon wartet. Das finde ich nicht lustig was auch daran liegt, dass am Morgen das Frühstück sehr mager ausgefallen ist. Es gab nämlich kein Brot mehr, keine Marmelade oder Honig, keinen Zucker und kein Wasser und so konnten wir nur ein kleines bisschen Weizenbrei essen. Als ich das dem Guide erkläre, lautet die Antwort nur, dass 180$ ja auch nicht viel Geld sei. Mir bleibt bei dieser Antwort etwas der Mund offen stehen und frage dann, ob er mir denn mein Geld zurückgeben kann, wenn für ihn das nicht viel Geld ist. Neben der Unfähigkeit mit Problemen umzugehen, können diese Guides nicht führen, teilweise sahen wir ihn für Stunden nicht, weil er nicht mit der Gruppe gelaufen ist sondern irgendwo. Außerdem haben er und die meisten andern auch keine Ahnung von Tieren (verwechseln Falken mit Adlern usw. wenn sie die denn mal sehen) und hat auch kein Interesse uns über die Simiens zu informieren und Sachen zu zeigen. Er macht also seinen Job gar nicht oder nur sehr schlecht und versteht dann die Welt nicht, als ich und die anderen sagen das wir ihm kein Trinkgeld geben, was er aber für selbstverständlich hält. Denn diese 3 1/2 Tage waren wirklich das Geld wert, aber hauptsächlich der Landschaft wegen und nicht wegen des Services.

Nach einer 5 stündigen Fahrt kommen wir wieder in Gondar an und werden von dem Chef des „Reisebüros“ zum Doro Wat mit Injera (irgendwas zwischen Fladenbrot und Pfandkuchen) eingeladen. Doro Wat ist Hühnchen mit Tomaten / Chilisoße. Das bekommt man normalerweise nicht, denn es dauert viele Stunden das vorzubereiten und zu kochen, aber schmeckt dafür auch richtig gut. Zur Verabschiedung werde ich noch auf eine Nacht in seiner Lodge eingeladen. Das wird mir noch sehr weiterhelfen und macht so den schlechten Services in den Bergen wett.

Ich verbringe noch einen ganzen Tag in Gondar und nutze die Zeit um einen Bericht zuschreiben, Bilder anzuschauen, und durch die Stadt zu schlendern. Erst gehe ich schön Tibs mit Injera („geschnetzeltes“ Fleisch) essen, danach einen großen Salat mit allem von Kartoffeln bis Avocado (mhhhh) und zum Abschluss einen schönen Mangofruchtsaft trinken. Am Abend nutze ich dann sogar den Fernseher auf meinem Zimmer und schaue bisschen Fußball und einen Film. Habe ich auch schon seit Deutschland nicht mehr gemacht.

Am Sonntag mache ich mich wieder auf um zum Tim&Kim Village zukommen. Eigentlich sind das nur 2h mit dem Bus, aber bevor man den nehmen kann, muss ich wegen meinem großen Rucksack erst einmal verhandeln, wo mein Gepäck hinkommt und dann auch gleich um den Preis fälschen. Ich weiß das diese Busfahrt 35 Birr (1,6€) kostet. Der Preis liegt für mich und das Gepäck aber plötzlich bei 100 Birr. Ich frage ob jemand aus dem Bus mir beim verhandeln helfen kann. Eine Frau kommt gleich mit zum Busfahrer und verhandelt mit mir und für mich. Irgendwann werde ich wirklich wütend und sage ihm etwas lauter, dass er mir diesen Preis nur gibt, weil ich weiß bin und dass ich jetzt den richtigen Preis will, also 35 Birr. Er lässt sich nur auf 50 Birr runterhandeln und es ist 6 Uhr am Morgen und eigentlich ist es mir echt zu blöd. Was soll’s, ich steige ein und nach 10 min Fahrt will er mein Geld. Ich gebe ihm genau 35 Birr und schaue stur nach vorne. Nach 15 Sekunden werde ich wieder angetippt und nach Geld gefragt. Ich reagiere einfach nicht und höre dann wie die Frau, die mir schon mal geholfen hat, nochmal mit ihm redet. Danach höre ich nichts mehr und zahlen muss ich auch nicht mehr. Wenn man wirklich Hilfe will, dann sollte man einfach Frauen fragen. Nach meiner Erfahrung und auch der von andern Reisenden ist das viel, viel besser als Männer um Hilfe zu bitten (das trifft jetzt vor allem auf Äthiopien zu 😉 ).

Ich komme bei der Lodge an und es fühlt sich fast wie heimkommen an. Es ist einfach wirklich schön hier und ich werde freundlich begrüßt. So kommt es auch dazu, dass ich wieder 10 Tage hier bleibe (insgesamt über 3 1/2 Wochen). Was ich mache? Eigentlich das was ich beim ersten Aufenthalt auch schon gemacht habe. Reden, essen, nach Tieren schauen, die Landschaft genießen und nichts. Ich sehe viele klasse Tiere wie Civetkatzen, Kleinfleck-Ginsterkatze und dann… . Als ich grade am Kochen bin sehe ich im Augenwinkeln etwas über den Rasen schleichen und im Gebüsch verschwinden. Ich gehe sofort nach und sehe wie eine Katze wieder in die andere Richtung im Gras verschwindet. Ohhh was kann das sein? Ich weiß welche Katzen hier vorkommen und mache im Kopf eine Liste während ich versuche, noch mal einen Blick auf die Katze zu bekommen. Das schaffe ich auch, aber wieder nur für einen kurzen Augenblick. Diese Katze ist etwas größer als eine normale Hauskatze und hat irgendwie einen leichten orangenen tatsch im Fell und definitiv irgendwie eine „Zeichnung“, der Kopf ist eher schmaler für die Größe und am Ohr sind keine Puschel zu erkennen. Ziemlich scheu ist sie auch. Wenn man jetzt die Liste mit Katzen Vorort durchgeht, dann bleibt nur der Serval übrig. Ein Serval ist aber so unglaublich selten und ich bin mir deswegen immer noch nicht zu 100% sicher. Das wäre dann natürlich der absolute Hammer.

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Irgendwann geht aber auch die Zeit an diesem Ort zu Ende und ich will wieder weiter. Nach über 5 Wochen mache ich mich mit dem Fahrrad auf um Richtung Süden zu fahren. Davor ist aber noch in Gondar das wichtigste Fest für Äthiopien (neben Ostern), Timkat. An diesem Tag werden die sonst nicht zugänglichen Kreuze auf einem großen Umzug gezeigt. Das Problem, das man als nicht vorausplanender Reisender jetzt hat, ist die Situation der Unterkünfte. Alles (für weiße Touristen sowieso) ist 4x so teuer und fast immer ausgebucht. Ich habe aber noch das Versprechen des Reisebüros und Lodge Besitzers. Am Vormittag vor dem großen Tag komme ich dort an und es ist natürlich alles ausgebucht. Ich darf aber auf einem kleinen Platz hinter der Lodge mein Zelt aufstellen und da schlafen. Da Timkat über 2 1/2 Tage geht, darf ich dort 3 Tage umsonst schlafen. Nicht nur das, ich bekomme sogar das Frühstück noch dazu. So edel habe ich schon seit sehr langem nicht mehr gegessen!

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Das Fest ist eine Mischung aus Karneval und christlichen Ritualen. Es gibt Taufen und Straßenzüge (ohne Süßigkeiten). Gondar ist auch noch die beliebteste Stadt um dieses Fest zu erleben und so sind unglaubliche Menschenmassen in der Stadt. Die Stimmung ist schon besonders, aber ich war eben auch noch nie der Typ für sowas. So bin ich dann auch immer mal wieder froh auf dem Gelände der Lodge zu sein. Man muss natürlich aufpassen, dass einem in diesem Gedrängel nichts gestohlen wird, womit ich aber keine Probleme hatte. Kein Geldbeutel und Handy mitnehmen, nur etwas Bargeld. Den Kameragurt so um das Handgelenk wickeln, dass man ihn nicht einfach mitnehmen kann. Dann sollte nichts passieren.

Am letzten Abend bekomme ich dann sogar noch ein Zimmer. Was für ein Luxus! Es gibt eben auch wirklich nette Äthiopier!