Khartoum bis Gondar / Äthiopien

 

Der Wecker klingelt um 4 Uhr Morgens. Ich finde das zwar nicht so richtig lustig, aber ich will eben vor dem dichter werdenden Verkehr aus der Stadt sein. Zelt zusammenbauen, alles Packen und noch mal kontrollieren ob auch wirklich alles dabei ist. In der Dunkelheit ist schnell was übersehen. Um kurz nach 5 geht es los. Es ist merkwürdig im Dunkeln durch die Stadt zu fahren. Immer wieder schaut Sicherheitspersonal, Militär und Polizei misstrauisch hinter mir her. Ich nehme die Straße auf der Ostseite des blauen Nils, da ich mir da etwas weniger Verkehr erhoffe. Die ersten 30 Km geht das gründlich schief. Noch dazu ist die Straße schlecht und ich kann nur hoffen, dass ich nicht von einem zu nah überholenden Bus überfahren werde und das mein Fahrrad diese Straße aushält. Wir, das Fahrrad und ich, überleben dieses Stück Straße und bald wird es auch etwas besser, aber noch mal möchte ich da nicht mehr fahren.
Pünktlich zum Sonnenaufgang kaufe ich Brot. Mit dem Verkäufer ergibt sich ein Gespräch über rund 45 Minuten. Er ist gelernter Ingenieur, kann aber nirgends sonst Arbeiten. „Die Regierung macht es sehr schwer eine Arbeit zu finden“. Er will wissen wie er nach Deutschland oder England gehen und dort arbeiten kann. Ich will im nicht sagen, dass es gerade jetzt wohl eher unmöglich ist, mache aber klar das es sehr schwer ist die entsprechenden Papiere zu bekommen. Diese Gespräche muss ich immer wieder führen und sie lassen einen – ganz egal wie man zum Thema Einwanderung stehen mag – Deutschland aus einem völlig andern Blickwinkel betrachten. Am Ende wird es mir immer wieder bewusst, welches Privileg es ist, dass ich in Deutschland, in dieser Zeit geboren bin. Dieses Privileg, das mir Möglichkeiten eröffnet, die viele Menschen, die ich auf meiner Reise treffe, nicht haben und nie haben werden.
LUK_3519
Ich radle weiter, rechts und links wird es immer grüner. Felder und vereinzelt Bäume sind zu sehen. Wenn die Straße etwas weiter vom Nil wegführt wird es zwar wieder trocken und staubig, aber insgesamt verändert sich die Landschaft nun spürbar. Die ersten Tiere sind am Straßenrand zu sehen. Das führt allerdings dazu, dass ich immer öfters stoppe um Fotos zu machen. Wie ich das in anderen teilen Afrikas machen soll weiß ich nicht, so würde ich aber nur wenige Kilometer pro Tag fahren.
LUK_3601
Die Sonne nähert sich schon wieder dem Horizont und ich brauche einen Platz zum Übernachten. Ich sehe ein „Haus“ und ein Scheune vor ein paar Feldern. Nachdem ich mich umgeschaut habe, erscheint nach ein paar Minuten ein Mann. Ob ich hier neben dem Haus schlafen darf, frage ich auf Englisch. Mein Gegenüber versteht mich nicht. Nach ein-zwei Minuten, in denen ich mit Händen und Füßen klar mache, was ich will, wird mir bedeutet, dass ich im Haus schlafen soll. Na gut, dass ich mein Zelt aufstelle, wurde wahrscheinlich nicht erwartet. Das führt aber nur zu einem Schmunzeln und als ich signalisiere, dass es zum Schutz gegen die Moskitos ist, verstehet er es sogar. Mir wird Tee gebracht und auf der anderen Straßenseite sind noch mehr Bauern. Sie bauen Tomaten an. Wir haben einen schönen Abend am Feuer, mit Tee und netten „Gesprächen“. Dabei kann niemand außer mir Englisch sprechen – Deutsch sowieso nicht. Die Menschen sind einfach so freundlich, dass ich mich schon fast schlecht fühle, als ich einfach nur noch ins Bett will. Ist nämlich schon 9 Uhr, was mir deutlich macht, dass ich in einem anderen Rhythmus bin, als in Deutschland.
LUK_3557
Nachdem ich mich von allen verabschiedet habe fahre ich am nächsten Morgen weiter. Am Mittag bin ich eben dabei, einen Northern Carmine Bee-eater (Karmin-Bienenfresser) zu fotografieren. Ich werde dann gleich von Zwiebelbauern gerufen. Wir unterhalten uns etwas und dann muss ich noch von den hier arbeiteten Kinder ein Bild machen. Einfacher gesagt als getan. Ich habe nur mein Teleobjektiv auf der Kamera, heißt ich muss 10-15 Meter von den Kindern entfernt stehen um ein Gruppenbild zu machen. Am Anfang bleiben die Kinder noch mehr oder weniger brav stehen, aber dann fangen alle an, auf mich zu zulaufen und sich nach vorne zu drängeln, weil jeder auf dem Bild sein will. Irgend wie habe ich das von Deutschland andersrum in Erinnerung ;-). Alle haben noch ihre Messer dabei, was zu tollen Bildern führt.
LUK_3672
An diesem Abend will ich in Wad Madani in einem Hotel schlafen, um morgen Wifi zu haben (Geburtstag meines Vaters). Ich finde aber nur ein richtiges Hotel, das eigentlich über dem liegt was ich ausgeben will (25€) aber ich sehe im Eingang ein Reiserad mit Brooks-Sattel. Wem gehört dieses Fahrrad, ist meine erste frage. Jetzt ist aber auch klar, dass ich nicht wo anders schlafen kann und nach dem der andere Reiseradler grade nicht da ist, verhandle ich den Preis. Ich würde zwar lieber mein Zelt im Garten aufstellen aber dann wird mir ein Zimmer für die Hälfte angeboten. Na dann. Habe bis jetzt eh nicht mehr als 6€ pro Tag ausgeben und zu viel Sudanesische Pfund habe ich auch.
Das Fahrrad gehört einem 60-jährigen englischen Reiseradler. Später mehr dazu.
Am nächsten Tag will ich mit meinem Vater reden, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren. Das geht aber gründlich schief, da nirgends Wifi zu finden ist und im „Internetcafe“ dauert das Laden von „Facebook“ ungelogen über 10 Minuten.
Ich treffe einen Medizinstudenten im Hotel. Wir verabreden uns für den Abend, er will mir die Stadt, die Uni und das Krankenhaus zeigen. Nach dem ich eh von Mark (dem englischen Fahrradfahrer) zum Essen eingeladen bin, gehe ich mit dem Studenten in die Stadt. Die Uni ist zwar etwas runtergekommen, aber das Leben davor ist das Gleiche wie in Deutschland. Studenten/innen sitzen zusammen, reden oder lernen und trinken (aber natürlich keinen Alkohol). Ich finde das klasse: Gleichaltrige zum Reden, zum ersten mal auch Frauen. Wir reden über Gott und die Welt. Danach wird mir das Krankenhaus gezeigt. Ich muss immer wieder denken, hoffentlich schaffe ich es nach Südafrika, falls ich je ins Krankenhaus muss (am Besten natürlich garnicht). Die Zustände sind „garnicht schön“.
Die nächsten zweieinhalb Tage fahre ich zusammen mit Mark nach Gedaref. Aber erst, nachdem ich ihn fast ins Gefängnis gebracht habe. Denn als wir am Morgen losfahren und nach ein paar Minuten über den blauen Nil fahren, will ich ein paar Fotos von der Brücke machen, da das Licht klasse ist. Das Problem ist nur, dass es streng verboten ist, Fotos von Brücken zu machen. Am Anfang der Brücke steht auch ein Polizist aber ich denke mir, was solls, wird schon klappen. Ich mache kurz zwei Fotos und stecke die Kamera weg. Mark läuft auf die andere Seite um da, etwas auffälliger als ich, Fotos zu machen. Ich sehe den Polizisten zu uns laufen und rufe zu Mark, dass wir jetzt sofort weiter fahren müssen! Das tun wir auch, aber der Polizist hält ein dreirädriges Motorrad an und überholt so Mark und stoppt Ihn. Ich denke mir, dass ich jetzt auch nichts machen kann und fahre weiter. Nach 500 Meter stoppe ich und warte. Mann, ich bin aber auch blöd. Es ist halt der Reiz des Verbotenen und wenn eine Regel so blöd ist, breche ich sie gerne mal. Nun sitze ich aber da, trinke Tee und überlege was ich machen soll, falls Mark in den nächsten Stunden nicht auftauchen sollte. Ich habe zwei SD-Karten in meiner Kamera, eine nehmen ich heraus und schiebe sie in eine Socke und auf der Zweiten lösche ich alle kritischen Bilder,  falls ich auch noch kontrolliert werde. Gott sei dank kommt Mark nach 1 1/2 Stunden und wir fahren weiter. Er musste nichtmal eine Strafe zahlen.
Die Km laufen nicht wirklich einfach, da der Wind schlecht ist und am Mittag kommen wir zu einem Checkpoint. Der oberste Polizist kommt aus dem Schatten gelaufen, um uns persönlich zu kontrollieren. Das kann ich schon gar nicht leiden, wenn nur die weißen Radfahrer kontrolliert werden. Er will die Pässe sehen und Mark zeigt seinen auch gleich. Jetzt wird es schon wieder problematisch, denn im Sudan muss man sich (wie schon beschrieben) registrieren lassen. Ich habe diese Registrierung aber nie machen können. Der Polizist kontrolliert das aber. Es gibt wie immer nur eine Sache die jetzt funktioniert, Geduld. Ich trinke die erste Wasserflasche aus und sage, dass ich gleich nach dem Reisepass schaue. Dann fange ich an die zweite Flasche zu trinken. Der Polizist will jetzt aber wirklich den Reisepass sehen. Ich denke irgendwann, das hat jetzt noch nicht so richtig funktioniert. Ich öffne eine der Fronttaschen. Zum Glück weiß ich nicht in welcher Tasche der Reisepass ist und fange an zu suchen. Dann fragt der Polizist was für einer Arbeit ich in Deutschland nachgehe. Weil es einfach und unverdächtig ist, sage ich “Deutschlehrer” (Ja, für jeden der mich kennt mag das etwas merkwürdig klingen, es funktioniert aber immer). Dann dürfen wir einfach weiter fahren. Puhh, das habe ich aber grade noch mal geschafft.
In den nächsten 2 Tagen passiert sonst nichts groß. Die Landschaft ändert sich und wird immer schöner. Wir fahren durch Gebiete die auch in Namibia sein könnten. Berge aus dem gleichen Granit aus dem auch die Spitzkoppe (Berg in Namibia) ist.
LUK_3761
Ich sehe immer wieder Greifvögel usw. wie zum Beispiel einen Kampfadler neben der Straße.
LUK_3755
Es ist sehr angenehm, mit jemandem zu fahren und immer mal wieder richtig reden zu können. Das Wasser ist auf diesem Abschnitt katastrophal, aber wir müssen es nicht trinken, denn wir können frisches Wasser kaufen.
IMG_2701
In Gedaref trennen sich dann unsere Wege. Mark macht zwei Nächte Pause und ich fahre gleich weiter. Die Menschen werden immer ärmer, bleiben aber trotzdem sehr freundlich.
Nach anstrengenden Tagen komme ich an die Grenze zu Äthiopien. Jetzt wird es wieder spannend. Darf ich ausreisen, ohne dass ich mich je registriert habe? Der Beamte schaut meinen Pass an und weißt mich genau darauf hin. Ich sage einfach, dass ich schon für eine dreitägige Registrierung in Dongola gezahlt habe. So richtig nimmt mir der Beamte das zwar nicht ab, aber nach ein paar Minuten diskutieren bekomme ich den Exit-Stempel. Was sicher geholfen hat war, dass es schon spät war und alle Feierabend machen wollten. Ich schlafe trotzdem noch eine Nacht im Sudan weil ich jetzt noch Geld wechseln muss (es braucht Zeit um einen guten Wechselkurs zu finden) und ich will auch noch etwas einkaufen. Im Nachhinein habe ich so auch noch eine ruhige Nacht.
Am nächsten Morgen fahre ich nach Äthiopien – meinem dritten Land auf dieser Reise. Ich werde zum Immigrationsoffice geleitet. Die erste Frage lautet, wo ich hin will? Eine lustige Frage, da es genau eine Richtung für mich aus dem Sudan kommend gibt und zwar nach Gondar/Äthiopien. Mir wird gesagt: „you can’t go there because there is fighting on the street!“ Ich stehe etwas entgeistert da. Ich kann jetzt nicht mehr vor – und zurück kann ich ohne Visum auch nicht. Das Visum bekommt man aber nur in Addis. Mir wird gesagt das ich noch 40 Km fahren kann und dann muss ich die Polizei oder das Militär fragen. Das ist zwar nicht weit, aber ich schleppe eine leichte Lebensmittelvergiftung mit mir rum und so brauche ich ewig für die kurze Strecke. Ich mache 3 Stunden Mittagsschlaf um komme erst am Nachmittag in Shehedi an. Auf der Polizeistation treffe ich dann auch gleich Trevor wieder. Er steckt hier schon den ganzen Tag fest. Wir versuchen Informationen zu bekommen. Das geht hier aber fast gar nicht. Im Grunde werden uns immer neue Information gegeben und eigentlich heißt es immer wieder nur, setzt euch, trinkt ein Café, morgen… „Morgen“ ist so ganz nebenbei das wichtigste Wort in Afrika. Nege heißt es in der hier verbreiteten Sprache Amharic. Damit müssen wir uns nun eben abfinden. Der nächste Tag verläuft gleich. Mal heißt es wir können in 30 Minuten gehen, dann wieder Nege. Wir finden das gar nicht lustig und rufen bei der britischen Botschaft an. Die können uns aber auch nicht weiter helfen. Ich kann fast nichts essen und trinken, ohne dass sich mein Magen umdreht und wir wissen nicht wie lange wir hier noch festsitzen, einen Tag, eine Woche, einen Monat? Die Polizei findet das durchaus lustig, die arbeiten aber eh nicht. Am nächsten Tag soll ein Militärkonvoi fahren und wir hoffen, dass das stimmt. Tatsächlich, ein Militärkonvoi geht, aber wir müssen den Bus nehmen. Die Polizei weiß genau, dass wir den Bus nehmen werden und so sollen wir 150 $ für 2 Personen zahlen. Der eigentliche Preis beträgt 3$ pro Person. Wir sind angefressen und drücken den Preis. Trevor schmeißt fast einen Stein durch die Scheibe des Busses und ich drücke den Preis noch mal auf 70$. Dann steigen wir wütend in den Bus ein. Vorne zwei Militärautos und hinten auch nochmal, so fahren wir über die einsame Straße.
IMG_2722
Nach fast 6 Stunden Fahrt, für 160 Km kommen wir 11 Km entfernt vom Gondar-Stadtzentrum an. Ich fahre die 11 Km mit dem Fahrrad und benötige dafür auch noch mal fast 2 Stunden weil ich wegen der Lebensmittelvergiftung so platt bin. Ok, das iPhone muss ich auch noch kurz in einem Hotel etwas laden, da ich es für die Navigation brauche.
Als ich beim Lshaped Hotel ankomme bin komplett fertig. Das Zimmer ist das beste das ich auf dieser Reise bis dato gehabt habe und die nächsten 4 Tage nutze ich, um im Bett zu liegen, das halbwegs ordentliche Wifi zu nutzen und einmal am Tag eine Kleinigkeit zu essen.
LUK_4092
Die letzten Tage im Sudan waren echt anstrengend und die erste Zeit in Äthiopien war richtiger Mist. Nach diesen 1 1/2 Wochen habe ich spürbar abgenommen und sehne mich nach einer richtigen, erholsamen Pause. Die kommt dann auf meiner nächsten Station, und was für Eine. Das gibt’s dann im nächsten Bericht.

2 Kommentare

  1. Hi Lukas,

    was für ein großartiger Bericht! Musste ein paarmal laut lachen! Und ein absolut fantastisches Foto von den lachenden Kindern mit Messern.
    Als kleine Anregung: auf einigen Fotos sieht man Menschen, zB den Mann zwischen dem blauen und weißen Nil. Schreib doch in den Kommentar wer das ist.

    Antworten

  2. Hej Lukas,
    klingt prima, hoffentlich hast du dich gut erholt. Bin sehr gespannt auf die großartige nächste Station.
    VG Holger

    Antworten

Schreibe einen Kommentar zu Holger Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.